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Stochastik · Klasse 7/8

Wahrscheinlichkeit – vom Schätzen zum Rechnen

einsteiger #stochastik#wahrscheinlichkeit#laplace#relative-haeufigkeit#grundvorstellungen

Für die Lehrkraft · in dreißig Sekunden

Die Schüler schätzen zuerst, rechnen dann – und sehen, wo die Intuition systematisch danebenliegt.

Was variiert: Folge A vergrößert das Ereignis schrittweise, Folge B geht zur Augensumme über, Folge C ändert den Grundwert, Folge D stellt sich gegen die Intuition.

Stolperstelle: Der Zufall wird als ausgleichend gedacht: „Nach fünfmal Kopf ist Zahl fällig.“

Ablauf

  1. 1. Vorbemerkung austeilen oder projizieren – zwei Minuten lesen lassen.
  2. 2. Die Folgen der Reihe nach. Bei jeder einzelnen Aufgabe derselbe Takt: erst allein Reflect – Expect – Check – Explain, dann eine Frage zu zweit, dann der Zusammenhang im Plenum. Drei bis fünf Minuten pro Aufgabe.
    • · Folge A: Ein Würfel – Ereignisse werden größer – 6 Aufgaben
    • · Folge B: Zwei Würfel – die Augensumme – 6 Aufgaben
    • · Folge C: Urne – der Grundwert ändert sich – 6 Aufgaben
    • · Folge D: Gegen die Intuition – 6 Aufgaben
    • · Folge E: Vom Versuch zur Wahrscheinlichkeit – 6 Aufgaben
  3. 3. Reflexionsfragen – schriftlich oder im Gespräch.

Was Sie sagen können

  • „Schätze zuerst – schriftlich. Erst dann wird gerechnet.“
  • „Wird die Wahrscheinlichkeit größer oder kleiner als eben?“
  • „Wer erklärt, warum die Münze kein Gedächtnis hat?“

Kommentar und Lösungen stehen mit auf dieser Seite – der Teil für die Klasse ist unten eigens markiert. Beim Drucken bleibt der Lehrerteil weg.

Vorbereitung · zum Ausdrucken Arbeitsblatt mit Platz zum Rechnen, dahinter das Lösungsblatt. Enthält alle Folgen mit allen Spalten. Arbeitsblatt Regie · zum Projizieren Aufgabe für Aufgabe an die Wand, im Takt Reflect – Expect – Check – Explain. Die vorherige Aufgabe bleibt mit ihrer Lösung stehen. Auf der Folie: Folge A, Folge B, Folge C, Folge D, Folge E. Folge projizieren

Vorbemerkung für die Schüler

Zwei Begriffe, die man auseinanderhalten muss:

  • Die Wahrscheinlichkeit ist eine berechnete Zahl. Bei einem fairen Würfel ist die Wahrscheinlichkeit für eine Sechs 16\frac{1}{6} – unabhängig davon, was vorher passiert ist.
  • Die relative Häufigkeit ist ein Messergebnis: Wie oft ist das Ereignis in meinen Versuchen tatsächlich eingetreten, geteilt durch die Anzahl der Versuche.

Beide nähern sich einander an, wenn man oft genug wirft. Aber sie sind nicht dasselbe – und die relative Häufigkeit „holt nichts nach“.

Arbeitsauftrag für alle Folgen: Schätze zuerst schriftlich, bevor du rechnest. Ohne die eigene Schätzung ist das Ergebnis nur eine Zahl.

Folge A: Ein Würfel – Ereignisse werden größer

Fairer sechsseitiger Würfel. Wie wahrscheinlich ist das Ereignis?

Nr.EreignisWahrscheinlichkeit
1eine Sechs1616,7%\frac{1}{6} \approx 16{,}7 \,\%
2eine gerade Zahl36=50%\frac{3}{6} = 50 \,\%
3eine Zahl größer als 42633,3%\frac{2}{6} \approx 33{,}3 \,\%
4eine Zahl kleiner als 766=100%\frac{6}{6} = 100 \,\%
5eine Sieben00
6keine Sechs5683,3%\frac{5}{6} \approx 83{,}3 \,\%

Frage nach Nr. 6: Vergleiche Nr. 1 und Nr. 6. Wie hängen die beiden Zahlen zusammen? Formuliere eine Regel.

Folge B: Zwei Würfel – die Augensumme

Zwei faire Würfel werden geworfen und die Augen addiert. Es gibt 36 gleich wahrscheinliche Paare.

Nr.AugensummeAnzahl der MöglichkeitenWahrscheinlichkeit
722111362,8%\frac{1}{36} \approx 2{,}8 \,\%
833222365,6%\frac{2}{36} \approx 5{,}6 \,\%
944333368,3%\frac{3}{36} \approx 8{,}3 \,\%
10776663616,7%\frac{6}{36} \approx 16{,}7 \,\%
111111222365,6%\frac{2}{36} \approx 5{,}6 \,\%
121212111362,8%\frac{1}{36} \approx 2{,}8 \,\%

Frage nach Nr. 12: Warum ist die 7 sechsmal so wahrscheinlich wie die 2? Zähle die Paare für beide auf.

Folge C: Urne – der Grundwert ändert sich

In einer Urne liegen rote und blaue Kugeln. Es wird eine gezogen.

Nr.InhaltP(rot)
131 rot, 1 blau12=50%\frac{1}{2} = 50 \,\%
142 rot, 2 blau12=50%\frac{1}{2} = 50 \,\%
153 rot, 1 blau34=75%\frac{3}{4} = 75 \,\%
161 rot, 3 blau14=25%\frac{1}{4} = 25 \,\%
173 rot, 2 blau35=60%\frac{3}{5} = 60 \,\%
1830 rot, 20 blau35=60%\frac{3}{5} = 60 \,\%

Frage nach Nr. 18: Nr. 17 und Nr. 18 haben dieselbe Wahrscheinlichkeit, aber ganz verschiedene Kugelzahlen. Was zählt also – die Anzahl oder das Verhältnis?

Folge D: Gegen die Intuition

Diese sechs Fragen zuerst abstimmen lassen, dann besprechen.

Nr.FrageAntwort
19Eine Münze zeigt fünfmal hintereinander Kopf. Wie wahrscheinlich ist Zahl beim nächsten Wurf?50 % – die Münze hat kein Gedächtnis.
20Was ist wahrscheinlicher: fünfmal hintereinander Kopf oder die Folge K-Z-K-K-Z?Beide gleich: jeweils 1/32.
21Bei zwei Würfeln: Ist (3,4) wahrscheinlicher als (3,3)?Ja – (3,4) und (4,3) sind zwei Paare, (3,3) nur eines.
22Beim Lotto: Ist 1-2-3-4-5-6 unwahrscheinlicher als 4-11-19-27-33-41?Nein, beide gleich unwahrscheinlich.
23Eine Zahl ist bei 100 Würfen nur 9-mal gefallen statt 16-mal. Kommt das wieder ins Lot?Der Anteil nähert sich an, der Rückstand wird nicht ausgeglichen.
24Wie viele Menschen braucht es, damit zwei am selben Tag Geburtstag haben – mit über 50 % Wahrscheinlichkeit?23.23.

Hinweis zu Nr. 23: Genau hier lohnt die Simulation. Lass 10 000 Würfe laufen und zeige die relative Häufigkeit gegen die Versuchszahl: Sie nähert sich 16\frac{1}{6}, ohne dass eine Zahl „aufholt“.

Folge E: Vom Versuch zur Wahrscheinlichkeit

Ein Würfel wird geworfen; die Sechs wird gezählt.

Nr.WürfeSechsenrelative HäufigkeitAbstand zu 1/6
2510103330%30 \,\%13,3 Prozentpunkte
266060131321,7%\approx 21{,}7 \,\%5,0 Prozentpunkte
27100100202020%20 \,\%3,3 Prozentpunkte
2860060011111118,5%\approx 18{,}5 \,\%1,8 Prozentpunkte
29600060001032103217,2%\approx 17{,}2 \,\%0,5 Prozentpunkte
306000060 0001014310 14316,9%\approx 16{,}9 \,\%0,2 Prozentpunkte

Frage nach Nr. 30: Der Abstand in Prozentpunkten wird kleiner. Wie verhält sich dagegen der Abstand in absoluten Zahlen (erwartete minus tatsächliche Anzahl)? Rechne nach.

Reflexionsfragen

  1. Warum ist P(keinEreignis)=1P(Ereignis)P(kein Ereignis) = 1 - P(Ereignis)? Begründe am Würfel.
  2. In Folge B ist die 7 die häufigste Augensumme. Wäre das auch so, wenn die Würfel unterscheidbar wären – etwa einer rot, einer blau?
  3. Erkläre einer Mitschülerin, warum die Münze „kein Gedächtnis“ hat.
  4. In Folge E nähert sich die relative Häufigkeit dem Wert 16\frac{1}{6}. Wird sie ihn irgendwann genau erreichen?
  5. Nenne eine Situation aus dem Alltag, in der Menschen relative Häufigkeit und Wahrscheinlichkeit verwechseln.

Didaktischer Kommentar

Der Kern. Stochastik unterscheidet sich von allen anderen Gebieten darin, dass falsche Antworten sich richtig anfühlen. Diese Intuitionen verschwinden nicht durch Erklärung – sie verschwinden nur, wenn die Klasse ihre eigene Vorhersage schriftlich festhält und danach das Gegenteil beobachtet. Deshalb ist das Schätzen kein didaktisches Beiwerk, sondern der eigentliche Mechanismus dieser Reihe.

Was variiert in Folge A? Der Umfang des Ereignisses – von einem Ergebnis über mehrere bis zum sicheren und zum unmöglichen Ereignis. Nr. 4 und Nr. 5 markieren die Randfälle und begründen, warum Wahrscheinlichkeiten zwischen 0 und 1 liegen. Das Paar Nr. 1 und Nr. 6 liefert die Gegenwahrscheinlichkeit als Beobachtung, nicht als Formel.

Was variiert in Folge B? Die Augensumme, und damit die Anzahl der günstigen Paare. Entscheidend ist die Aufforderung, die Paare tatsächlich aufzuschreiben: Wer (1,6), (2,5), (3,4), (4,3), (5,2), (6,1) notiert hat, versteht danach auch Nr. 21.

Was variiert in Folge C? Erst das Verhältnis, dann die absolute Anzahl bei gleichem Verhältnis. Nr. 17 und Nr. 18 sind das entscheidende Paar: Zehnmal so viele Kugeln, dieselbe Wahrscheinlichkeit. Das ist die Brücke zur Prozentrechnung und zum Anteilsbegriff.

Was variiert in Folge D? Nichts Systematisches – hier geht es um Intuitionsbrüche. Die Fragen sind so gewählt, dass die Klasse sich uneinig ist; das erzeugt den Gesprächsanlass. Nr. 24 (Geburtstagsproblem) ist bewusst ohne Rechnung angegeben: Die Zahl 23 überrascht, und die Herleitung kann später folgen.

Was variiert in Folge E? Die Versuchszahl über vier Größenordnungen. Die letzte Spalte ist die eigentliche Pointe: Der relative Abstand schrumpft, der absolute nicht. In Nr. 25 liegt die Anzahl 1,3 über dem Erwartungswert, in Nr. 30 sind es 143. Genau diese Unterscheidung räumt mit der Vorstellung auf, der Zufall würde etwas ausgleichen.

Häufige Fehlvorstellungen

  • „Nach fünfmal Kopf ist Zahl fällig.“ Nr. 19 und Nr. 23. Gegenmittel: simulieren und die Kurve zeigen.
  • „Auffällige Muster sind unwahrscheinlicher.“ Nr. 20 und Nr. 22. Gegenmittel: alle Folgen einer festen Länge sind gleich wahrscheinlich; auffällig ist nur, dass wir sie als Muster wahrnehmen.
  • „Bei zwei Würfeln sind alle Augensummen gleich wahrscheinlich.“ Folge B. Gegenmittel: die 36 Paare tatsächlich in eine Tabelle schreiben.
  • „Wahrscheinlichkeit ist dasselbe wie relative Häufigkeit.“ Folge E. Gegenmittel: konsequent unterschiedliche Wörter benutzen und beide Zahlen nebeneinander schreiben.

Zum Weiterarbeiten