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Niedersachsen · Studienseminar Hameln Fachseminar Mathematik Handreichung · Prüfungsunterricht (PU)
7 Leitfragen · 5 Practices
Prüfungsunterricht · Mathematik Klassen 5–13

Die Prüfungsstunde, Phase für Phase

Jede Phase des hier vorgestellten Ablaufs beantwortet eine Frage, die Sie ohnehin umtreibt – und liefert Ihnen zugleich die Begründung, die Sie im Prüfungsgespräch brauchen.

Die ideale Prüfungsstunde auf einen Blick

Phasen, Leitfragen und Werkzeuge des Ablaufs – von der Sicherheit durch Rituale bis zur Metareflexion als Infografik.

Infografik: Struktur des idealen Mathematik-Prüfungsunterrichts – Phasen, Leitfragen und Werkzeuge (Plickers, Mini-Whiteboards, sichtbar zufällige Gruppen, VNPS, Monitoring-Chart, 5 Practices).
Struktur des idealen Mathematik-Prüfungsunterrichts – zum Vergrößern anklicken.

Video-Überblick: „Die perfekte Prüfungsstunde" – der vollständige Ablauf Phase für Phase, kompakt erklärt.

Vorab: Lesen Sie den Ablauf als Antwortenkatalog, nicht als Drehbuch

Der Ablauf, den diese Handreichung erläutert, sieht zunächst aus wie eine bloße Abfolge von Methoden und Werkzeugen. In Wahrheit ist er etwas anderes: Jede Phase und jedes Werkzeug ist die Antwort auf eine wiederkehrende didaktische Frage, die Sie in jeder Mathematikstunde begleitet. Wenn Sie ihn so lesen, können Sie ihn jederzeit begründen – und ihn flexibel anpassen, ohne dass er auseinanderfällt. Sie wissen dann nicht nur, was Sie tun, sondern wozu.

Worum es hier wirklich geht: Gerade im PU zählt nicht die Methode, sondern ihre Begründung. In der Nachbesprechung werden Sie nicht für die Methode belohnt, sondern für die Begründung der Methode. Diese Handreichung gibt Ihnen zu jeder Phase die Funktion an die Hand, an der Sie Ihre Entscheidung festmachen können.

Hinter dem Ablauf stehen zwei gut beforschte Konzepte, nach denen Sie gefragt werden können – und beide stammen, praktischerweise, aus der Mathematikdidaktik:

Zwei didaktische Konzepte, auf die der Ablauf baut

Thinking Classroom

Peter Liljedahl

Liefert die sichtbar zufälligen Gruppen und die Vertical Non-Permanent Surfaces (VNPS): senkrechte, abwischbare Flächen, an denen im Stehen gearbeitet wird.

5 Practices

Smith & Stein

Liefert die Dramaturgie der Plenumsbesprechung: antizipieren, beobachten, auswählen, anordnen, verbinden – speziell für mathematische Diskussionen entwickelt.

Ergänzt werden beide durch formatives Assessment mit Plickers oder Mini-Whiteboards – schnelle, lernbegleitende Diagnose. Das Gerüst trägt von der Bruchrechnung in Klasse 5 bis zur Analysis in der Oberstufe; was sich ändert, ist der mathematische Anspruch der Aufgabe, nicht die Logik des Ablaufs.

Der Ablauf auf einen Blick

Bevor die Phasen einzeln erklärt werden, hier der vollständige Verlauf – von oben nach unten zu lesen.

Stundenverlauf einer PU-Stunde
PhaseWas passiertWozu
EinstiegThemenwahl nah am Alltag der SuSMotivation, tragfähige Aufgabe
EinstiegPlickers oder WhiteboardsRitualisierter Einstieg verschafft Sicherheit
ErarbeitungSichtbar zufällige Dreiergruppen (Teamshake)Beteiligung in der Breite
ErarbeitungVNPS + Lehrkraft betreibt Monitoring (mit Notizen)Bewegung, Transparenz, Feldübersicht
PlenumBesprechung gemäß den Monitoring-ErgebnissenSinnvolle Reihenfolge, Fehler berichtigen, kanonisieren
AusstiegPlickers oder WhiteboardsTransparenz, Bezug zum Folgeunterricht
AbschlussMetareflexionWas war schwer/leicht, neu, mitgenommen? Methodenreflexion

Frage 1Sicherheit durch Rituale

Wie gewinnen Sie und die Schülerinnen und Schüler Sicherheit?

Ritualisierter EinstiegPlickersMini-Whiteboards

Sicherheit entsteht nicht durch ein originelles Bonbon zu Stundenbeginn, sondern durch Vorhersehbarkeit. Ein ritualisierter Einstieg – immer dasselbe Format, immer derselbe Ablauf – entlastet beide Seiten. Die Klasse weiß, was kommt, und muss ihre Energie nicht aufs Sondieren der Lage verwenden. Sie selbst gewinnen Sicherheit, weil Sie sich nicht in jeder Stunde neu erfinden müssen und in den ersten Minuten festen Boden unter den Füßen haben – in einer Prüfungsstunde Gold wert.

In Mathematik bietet sich als Ritual eine kurze Kopfübung oder Aufwärmaufgabe an, abgefragt über Plickers oder Whiteboards. Kurz zu den Werkzeugen:

Die beiden Einstiegswerkzeuge
WerkzeugFunktionsweise
PlickersKarten mit einem QR-ähnlichen Code, die jedes Kind in einer bestimmten Drehung hochhält. Sie scannen den Raum mit dem Handy, die App wertet sofort aus, wer was geantwortet hat. Die Mitschüler sehen die Antwort nicht – das senkt die Hemmschwelle.
Mini-WhiteboardsKleine abwischbare Tafeln, auf die alle gleichzeitig schreiben und die sie hochhalten. Sie sehen auf einen Blick den Rechenweg oder das Ergebnis der ganzen Klasse.

Beide sind niedrigschwellig, schnell und für alle gleichzeitig. Der eigentliche Sicherheitsgewinn steckt im Wort „ritualisiert": Nicht das Werkzeug schafft Ruhe, sondern dass es jede Stunde an derselben Stelle in derselben Form auftaucht. Entscheiden Sie sich früh für eines als Standard-Einstieg und ziehen Sie es durch.

Frage 2Eingangsdiagnose zu Stundenbeginn

Wie klären Sie die Voraussetzungen?

PlickersMini-WhiteboardsDiagnose

Derselbe Einstieg erfüllt einen zweiten Zweck: Er ist eine Eingangsdiagnose. Bevor Sie eine neue Aufgabe aufmachen, wollen Sie wissen, worauf Sie aufbauen können. In Mathematik ist das besonders heikel, weil fast alles aufeinander aufbaut: Vor der Bruchaddition muss das Erweitern sitzen; vor der Geradensteigung das Verhältnis- und Dreisatzdenken; vor der Ableitung der Funktionsbegriff. Ein, zwei gezielte Fragen über Plickers oder Whiteboards zeigen Ihnen in unter zwei Minuten, ob das nötige Vorwissen trägt.

Der Mehrwert gegenüber dem Aufrufen Einzelner: Sie bekommen die Antwort der ganzen Lerngruppe, nicht nur der drei, die ohnehin immer melden. So fällt auf, wenn ein Drittel der Klasse eine Voraussetzung nicht mitbringt, die Sie stillschweigend angenommen hatten – eine der häufigsten Ursachen dafür, dass eine an sich gute Stunde später nicht zündet.

Plickers oder Whiteboard? Für eine schnelle Begriffs- oder Vorzeichendiagnose („Welcher Term ist äquivalent?") sind Plickers ideal, weil sie pro Kind auswerten und Ihnen zeigen, wer die Lücke hat. Sobald Sie einen Rechenweg oder eine Skizze sehen wollen, sind Whiteboards überlegen.

Nehmen Sie die Diagnose ernst: Wenn die Voraussetzungen fehlen, ist eine kurze Schleife jetzt billiger als ein Scheitern später – und in der Prüfungsstunde zeigt genau dieses Reagieren auf den Lernstand fachliche Souveränität.

Frage 3Alle aktiv – nicht nur die Üblichen

Wie erzeugen Sie Beteiligung in der Breite?

Zufällige DreiergruppenVNPSPlickersMini-Whiteboards

Das größte Beteiligungsproblem ist die stille Mehrheit: Wenige rechnen mit, viele sitzen aus. Der Ablauf bekämpft das auf mehreren Ebenen.

Sichtbar zufällige Dreiergruppen. Dass die Gruppen ersichtlich zufällig gebildet werden – etwa per Teamshake, einer App, die die Klasse sichtbar neu mischt – ist kein Gimmick. Wenn alle sehen, dass der Zufall entscheidet, lösen sich feste Cliquen und das „Ich bin schlecht in Mathe, also halte ich mich raus"-Verhalten auf; niemand ist selbst schuld an seiner Gruppe, und die Bereitschaft, mit jedem zu arbeiten, steigt messbar. Die Dreiergruppe ist bewusst gewählt: groß genug für echten Austausch, klein genug, dass sich niemand verstecken kann. Dass Teamshake „Gewichtungen erlaubt", heißt: Sie können im Hintergrund leicht steuern (etwa zwei Kinder trennen), während die Bildung nach außen zufällig bleibt – setzen Sie das sparsam und unauffällig ein, sonst geht der Vertrauenseffekt verloren.

Vertical Non-Permanent Surfaces. Die Gruppen arbeiten im Stehen an senkrechten, abwischbaren Flächen. Liljedahls Forschung erklärt, warum das gerade in Mathematik so viel bewirkt:

Entscheidend ist das „Non-Permanent": Weil ein falscher Ansatz sofort weggewischt ist, sinkt die Hemmschwelle, etwas Unfertiges hinzuschreiben. Genau das brauchen Sie in Mathematik, wo die Angst vor dem Fehler der größte Beteiligungskiller ist. Plickers und Whiteboards leisten in den Plenumsphasen dasselbe: eine Antwort von allen gleichzeitig statt von Einzelnen.

Merkregel: Beteiligung ist keine Frage der Motivation, sondern des Settings.

Frage 4Denken sichtbar machen

Wie erzeugen Sie Transparenz?

VNPSPlickersMini-Whiteboards

Transparenz heißt hier: Das mathematische Denken der Lernenden wird sichtbar – für sie selbst, füreinander und für Sie. Das ist die Voraussetzung dafür, dass Sie im Plenum überhaupt etwas zu besprechen haben.

An den VNPS steht der Lösungsweg im Wortsinn an der Wand. Sie müssen nicht raten, wie eine Gruppe vorgegangen ist; Sie lesen es ab – ob sie mit einer Tabelle, einer Skizze oder einem Term gearbeitet hat. Die Gruppen wiederum sehen die Wege der anderen und vergleichen; das produktive „Ach, so geht das auch" entsteht von selbst und ist in Mathematik besonders wertvoll, weil verschiedene Darstellungen dieselbe Idee beleuchten.

Plickers und Whiteboards machen das Klassenbild transparent: statt eines vagen Eindrucks („die meisten haben's wohl") eine konkrete Verteilung. Das schützt Sie vor einer klassischen Referendarsfalle – dem Trugschluss, die ganze Klasse sei so weit wie die zwei, die geantwortet haben.

Transparenz ist kein Selbstzweck am Stundenende: Der „Bezug zum Folgeunterricht" macht sie zu Ihrem Planungsinstrument für die nächste Stunde.

Frage 5Monitoring – der eigentliche Hebel

Wie bekommen Sie Feldübersicht?

VNPSMonitoringMonitoring-Chart

„Feldübersicht" ist der Schlüsselbegriff der Arbeitsphase. Während die Gruppen an den VNPS rechnen, betreiben Sie Monitoring: Sie gehen herum, beobachten gezielt, was die Gruppen produzieren, und machen sich Notizen. Dieses Monitoring ist die zweite der 5 Practices – und der eigentliche Hebel der ganzen Stunde, denn es bereitet die Plenumsbesprechung vor.

Smith und Stein empfehlen dafür ein einfaches, wirkungsvolles Werkzeug: das Monitoring-Chart. Eine Tabelle, die Sie vor der Stunde anlegen.

Aufbau eines Monitoring-Charts
Antizipierte StrategieWelche Gruppe?Reihenfolge im Plenum
Erwartete Lösungswege (vorab eingetragen)Wer ist diesen Weg gegangen?Wer präsentiert wann?
… plus eine Zeile „Sonstiges" für UnvorhergesehenesNotizen vom Rundgangvom Zugänglichen zum Abstrakten

Die Notizen verwandeln einen flüchtigen Eindruck in eine belastbare Grundlage für die Auswahl im Plenum. In einer Prüfungsstunde ist ein gut geführtes Monitoring-Chart sichtbarer Beleg für Planungskompetenz – legen Sie es offen auf den Tisch.

Beim Rundgang unterscheiden Sie zwei Fragetypen, deren Wirkung sich grundlegend unterscheidet:

Zwei Fragetypen beim Monitoring (Smith & Stein)

Diagnostische Fragen

assessing questions
Beispiel
„Erklären Sie mir mal, was Sie hier gemacht haben."
Ziel
Das aktuelle Denken sichtbar machen und verstehen, was die Gruppe bereits getan hat.
Lehreraktion
Sie bleiben stehen, um die Antwort zu hören.

Weiterführende Fragen

advancing questions
Beispiel
„Und was wäre, wenn die Zahl doppelt so groß ist?"
Ziel
Die Gruppe über ihren Stand hinaus zum nächsten Schritt Richtung Lernziel führen.
Lehreraktion
Sie stellen die Frage und gehen weiter – für Denkzeit.

Die Unterscheidung verhindert, dass Sie beim Herumgehen vorschnell die Lösung verraten. Und: Widerstehen Sie der Versuchung, jede Gruppe sofort zu retten. Das Monitoring lebt davon, dass Sie Fehlversuche stehen lassen – sie sind Ihr wertvollstes Material fürs Plenum.

Frage 6Die Plenumsbesprechung nach den 5 Practices

Wie können Sie die Ideen bündeln?

Monitoring-ErgebnissePlenumsbesprechung

Hier liegt das Herzstück – und hier kommen die 5 Practices von Smith & Stein vollständig zum Tragen. Der Witz des Ansatzes: Eine gute mathematische Diskussion ist kein spontanes Talent, sondern das Ergebnis von Vorbereitung. Die Praktiken reduzieren die Improvisation „im Moment" auf ein Minimum und bleiben trotzdem schülerzentriert.

Die fünf Praktiken (plus „Praxis 0") und ihr Ort im Ablauf
PraxisSchrittWas Sie tun
0 Ziele setzen & Aufgabe wählen
im Ablauf: „Themenwahl, nah am Alltag"
Spezifisches Lernziel (nicht „die SuS beschäftigen sich mit Proportionalität", sondern „die SuS erkennen, dass eine proportionale Zuordnung multiplikativ ist, nicht additiv") und eine kognitiv anspruchsvolle, offene Aufgabe mit mehreren Lösungswegen.
1 Antizipieren
Vorbereitung
Vorab überlegen: Welche Wege (Tabelle, Skizze, Term), Teillösungen und typischen Fehler sind zu erwarten? Klassiker: die multiplikative Beziehung wird additiv behandelt. Diese Wege füllen die erste Spalte des Monitoring-Charts.
2 Beobachten (Monitoring) Der Rundgang mit Notizen während der VNPS-Phase – siehe Frage 5.
3 Auswählen
im Ablauf: „Wertschätzung mehrerer Beiträge"
Gezielt wählen, welche Gruppen vorstellen – gesteuert vom Lernziel, nicht vom Zufall. Elegant: nach Freiwilligen fragen, aber gezielt die Gruppe aufrufen, von der Sie (dank Monitoring) wissen, dass ihr Beitrag lehrreich ist.
4 Anordnen (Sequencing)
im Ablauf: „sinnvolle Reihenfolge"
Reihenfolge so legen, dass Beiträge aufeinander aufbauen: vom Zugänglichen zum Anspruchsvollen – erst Skizze/Tabelle, dann allgemeiner Term oder Formel.
5 Verbinden (Connecting)
im Ablauf: „Fehler berichtigen" & „kanonisieren"
Der schwerste Schritt: Beiträge untereinander und mit der Kernidee verknüpfen, Fehler berichtigen und am Ende die fachlich tragfähige, „offizielle" Fassung gemeinsam herausarbeiten (kanonisieren).
Nicht vergessen: Auch die Gruppen, die nicht präsentieren, bleiben in der Verantwortung, zuzuhören und mitzudenken. Planen Sie kleine Hörimpulse ein („Vergleichen Sie das mit Ihrem Weg – wo unterscheidet er sich?"), sonst klinken sich zwei Drittel der Klasse aus, sobald sie nicht dran sind.

So gebündelt ist die Plenumsbesprechung kein Abfragen von Ergebnissen mehr, sondern eine geführte Diskussion, in der das Wissen der Klasse zusammenläuft.

Frage 7Der Ausstieg

Wie prüfen Sie die Zielerreichung?

PlickersMini-WhiteboardsLernzielkontrolle

Am Stundenende schließt sich der Kreis. Mit demselben ritualisierten Werkzeug wie zu Beginn – Plickers oder Whiteboards – prüfen Sie, ob das Lernziel erreicht ist. Weil Sie zu Beginn (Frage 2) eine Eingangsdiagnose hatten, können Sie jetzt einen echten Vorher-Nachher-Vergleich ziehen: Hat sich das Klassenbild bewegt? Das ist die ehrlichste Form der Lernzielkontrolle und zugleich Ihr bester Beleg in der Nachbesprechung dafür, dass Ihre Stunde gewirkt hat.

Auch hier gilt: „schafft Transparenz, Bezug zum Folgeunterricht". Der Ausstieg blickt nicht nur zurück, sondern nach vorn – die offenen Fragen, die hier sichtbar werden, sind der Aufhänger für die nächste Stunde. Halten Sie das Ergebnis kurz fest; es ist Ihre Planungsgrundlage.

Und ganz am Ende: die Metareflexion

Die letzte Stufe zielt nicht auf den Inhalt, sondern auf das Lernen selbst (Metakognition). Fragen wie „Was war heute schwer oder leicht?", „Was war neu?", „Was nehmen Sie mit?" und die Methodenreflexion machen den Lernenden bewusst, wie sie gearbeitet haben. Wer über das eigene Vorgehen nachdenkt, überträgt mathematische Strategien besser auf neue Aufgaben. Halten Sie die Phase kurz und konkret – aber lassen Sie sie nicht regelmäßig der Zeit zum Opfer fallen. Gerade bei einer ungewohnten Methode wie VNPS hilft die Methodenreflexion den SuS (und Ihnen), den Sinn des Settings zu verstehen.

Weitere Fragen, die Sie vor dem PU bedrängen

Die sieben Leitfragen sind das Gerüst. Daneben gibt es die Sorgen, die einem vor der Prüfungsstunde nachts durch den Kopf gehen. Ein paar ehrliche Antworten – zum Aufklappen.

„Was, wenn ich die Zeit nicht schaffe?"

Die häufigste Angst – und der Ablauf ist robuster, als er aussieht. Planen Sie die Plenumsbesprechung als das, was Sie notfalls kürzen, nicht streichen: lieber zwei statt vier Beiträge verbinden, als die Phase ganz wegfallen lassen. Setzen Sie sich vorab eine feste Uhrzeit für den Übergang ins Plenum und halten Sie sie ein, auch wenn nicht jede Gruppe „fertig" ist – bei offenen Aufgaben ist „fertig" ohnehin relativ. Im PU wirkt eine bewusst gesetzte Kürzung souveräner als ein gehetztes Durchziehen.

„Was, wenn niemand etwas sagt?"

Genau dagegen ist das Setting gebaut. Nach einer VNPS-Phase hat jede Gruppe etwas an der Wand stehen – Sie müssen nicht auf Meldungen warten, sondern rufen (dank Monitoring) gezielt auf: „Ihren Weg fand ich interessant, zeigen Sie ihn mal." Plickers und Whiteboards lösen dasselbe im Plenum, weil alle gleichzeitig antworten.

Stille ist fast immer ein Symptom eines Settings, das Einzelne exponiert – nicht fauler Schüler.

„Wie gehe ich mit falschen Antworten um?"

Im Sinne der Methode sind Fehler nicht das Problem, sondern das Material. An den VNPS ist ein Fehler schnell weggewischt und kostet kein Gesicht. Im Plenum wird er gezielt berichtigt und in der Sequenz oft vor die richtige Lösung gestellt, weil aus dem Vergleich das Verständnis wächst – der additiv-statt-multiplikativ-Fehler ist dafür ein Paradebeispiel. Behandeln Sie Fehler ruhig und sachlich und rechnen Sie sie nicht einzelnen Kindern persönlich zu.

„Wird die Gruppenarbeit nicht zu laut und chaotisch?"

Eine gewisse Arbeitslautstärke ist hier ein gutes Zeichen – sie ist die „Energie" aus den VNPS-Stichworten. Steuern können Sie über klare Übergangsrituale (ein akustisches Signal für „Stifte runter, Blick nach vorn"), über die feste Dreiergröße und darüber, dass Sie beim Monitoring präsent im Raum sind statt am Pult. Sichtbar zufällige Gruppen reduzieren zusätzlich das soziale Geplänkel, das entsteht, wenn sich Freunde zusammensetzen.

„Die immer Gleichen reden, der Rest sitzt aus."

Strukturell gelöst: zufällige Gruppen brechen feste Rollen auf, VNPS zwingt zur gemeinsamen Produktion, Plickers und Whiteboards holen im Plenum eine Antwort von allen. Wenn Sie aufrufen, wählen Sie bewusst auch Gruppen, deren Beitrag Sie beim Monitoring gesehen haben – so müssen Sie sich nicht auf Freiwillige verlassen.

„So viele Werkzeuge – überfordert mich das nicht?"

Am Anfang wahrscheinlich, ja. Deshalb: führen Sie sie nacheinander ein, nicht alle auf einmal. Etablieren Sie ein Einstiegsritual über Wochen, bevor Sie das nächste Element dazunehmen. Routine bei Ihnen ist die Voraussetzung für Sicherheit bei ihnen. Für den PU gilt: Zeigen Sie nichts, was nicht längst eingeübter Alltag der Klasse ist.

„Wie überzeuge ich das in der Prüfungsstunde?"

Indem Sie nicht über Methoden reden, sondern über Funktionen. Sagen Sie nicht „ich nutze VNPS, weil das gerade modern ist", sondern „ich brauche an dieser Stelle sichtbares, risikofreies Gruppendenken, deshalb VNPS". Genau dafür ist diese Handreichung gebaut: Jede Methode hat eine Frage, die sie beantwortet.

Wenn Sie in der Nachbesprechung jede Ihrer Entscheidungen an eine dieser Funktionen – Sicherheit, Voraussetzungen, Beteiligung, Transparenz, Feldübersicht, Bündelung, Zielkontrolle – knüpfen können, haben Sie das stärkste Argument, das es gibt.

Der rote Faden in einem Satz

Der Ablauf ist eine Dramaturgie der Sichtbarkeit: Erst machen Sie den Ausgangsstand sichtbar (Diagnose), dann das Denken aller Gruppen (VNPS), dann verschaffen Sie sich selbst Übersicht (Monitoring), bündeln die sichtbar gewordenen Ideen zu einem geklärten Ergebnis (5 Practices) und prüfen zum Schluss, was sichtbar geblieben ist (Ausstieg). Jede Phase liefert das Material für die nächste – und jede beantwortet eine der Fragen, die Sie ohnehin beschäftigen.