Unterrichtsdesign
Atomisierung – warum kleine Schritte tragen
Wie man Mathematik in Häppchen zerlegt, ohne sie zu zerschneiden
Von Dr. Michael Glaubitz ·
- #atomisierung
- #cognitive-load
- #didaktik
- #lehrplanung
Vor einigen Jahren habe ich eine Stunde zur quadratischen Ergänzung gehalten, die ich für hervorragend vorbereitet hielt. Ich hatte Beispiele, ich hatte Visualisierungen, ich hatte einen sauberen Tafelaufschrieb. Am Ende der Stunde konnten drei meiner Schüler die Methode anwenden. Die anderen 25 nicht.
Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, woran das lag. Es lag nicht am Inhalt. Es lag daran, dass der Inhalt in der Stunde zu viele Operationen gleichzeitig von den Schülern verlangte. Die quadratische Ergänzung besteht – atomisiert betrachtet – aus mindestens sieben Teilfertigkeiten, die alle einzeln sitzen müssen, bevor man sie zusammen verlangt.
Was Atomisierung meint
Der Begriff stammt aus der englischen Lehrerliteratur (Craig Barton hat ihn populär gemacht, in Anlehnung an die Cognitive-Load-Forschung um John Sweller). Atomisierung heißt: Bevor du eine Aufgabe stellst, frage dich, aus welchen elementaren Schritten sie besteht – und ob jeder dieser Schritte schon automatisiert ist.
Eine Aufgabe wie
Bestimme den Scheitelpunkt der Parabel
f(x) = 2x² − 12x + 19durch quadratische Ergänzung.
verlangt von einer Schülerin im Kopf:
- Den Faktor 2 vor
x²ausklammern, aber nur aus den x-Termen. - Den Koeffizienten von
xhalbieren (−6 / 2 = −3). - Diese Hälfte quadrieren (
(−3)² = 9). - Diese Quadratzahl addieren und subtrahieren in der Klammer.
- Aus den ersten drei Termen einen Binomialterm erkennen.
- Den restlichen Term aus der Klammer herausziehen, dabei den ausgeklammerten Faktor berücksichtigen.
- Den Scheitelpunkt aus der Scheitelpunktform ablesen.
Sieben Schritte. Wenn auch nur einer davon nicht sitzt, hängt die ganze Aufgabe. Aus Sicht der Schülerin sieht das nicht wie “ein Schritt klappt nicht” aus, sondern wie “ich kann das nicht”. Genau hier scheitern viele.
Was Atomisierung nicht heißt
Atomisierung ist nicht “kleinteiliger Frontalunterricht in 50 Häppchen”. Sie ist eine Planungshaltung, keine Methode. Konkret:
- Sie heißt nicht, dass Schüler nie offene Probleme bearbeiten. Sie heißt, dass sie offene Probleme erst dann sinnvoll bearbeiten können, wenn die elementaren Werkzeuge sitzen.
- Sie heißt nicht, dass jede Stunde aus 20 Mikroaufgaben besteht. Eine Stunde kann eine einzige große Aufgabe haben, wenn die elementaren Schritte vorher gefestigt sind.
- Sie heißt nicht, dass schwächere Schüler nichts Anspruchsvolles dürfen. Im Gegenteil: Erst durch Atomisierung wird Anspruchsvolles für sie erreichbar.
Atomisierung ist eine Frage der Vorarbeit: Was muss vor dieser Stunde sitzen, damit diese Stunde funktioniert?
Die Diagnose-Frage
In meinen letzten Berufsjahren habe ich mir angewöhnt, vor jeder neuen Stunde eine einzige Frage zu stellen:
Wenn meine Schüler diese Aufgabe lösen, welche einzelnen Operationen müssen sie schon automatisiert haben?
Wenn die Antwort lautet “ein paar Sachen”, war die Vorbereitung unvollständig. Ich brauche eine Liste. Diese Liste schreibe ich auf. Und dann frage ich:
Welche dieser Operationen kann ich bei der Mehrheit meiner Klasse voraussetzen? Welche nicht?
Für jede Operation, die ich nicht voraussetzen kann, brauche ich eine Diagnose-Frage – am besten als Aufwärmphase der Stunde oder schon in der Vorstunde. Sehe ich, dass die Operation sitzt, kann ich vorangehen. Sehe ich, dass sie nicht sitzt, baue ich kurzfristig eine Übung ein. Das Lehrbuch, das nach 10 Aufgaben Termumformung direkt zu Funktionsuntersuchungen springt, kümmert sich nicht darum. Ich muss es tun.
Ein praktisches Beispiel: Lineare Gleichungen
Was muss eine Schülerin können, um die Gleichung 3(x − 2) + 5 = 2x + 7 zu lösen?
- Klammern ausmultiplizieren (Distributivgesetz).
- Vorzeichen bei Subtraktionen in der Klammer richtig handhaben.
- Auf beiden Seiten dasselbe addieren oder subtrahieren (“Äquivalenzumformung”).
- Auf beiden Seiten durch dieselbe Zahl teilen.
- Variable und Konstante als unterschiedliche Objekte unterscheiden.
- Die Lösung durch Einsetzen prüfen.
Sechs Operationen. Bei einer typischen Klasse 7 sind 1, 2 und 5 erfahrungsgemäß die Bruchstellen. Wenn ich diese drei Operationen in den ersten zehn Minuten nicht abprüfe, riskiere ich, dass eine Hälfte der Klasse abhängt – nicht weil sie “Gleichungen nicht kann”, sondern weil sie noch im Distributivgesetz oder beim Vorzeichenproblem hängt.
Wo das in der Praxis weh tut
Atomisierung kostet Vorbereitungszeit. Sie zwingt mich, vor der Stunde nachzudenken, was die Stunde an Voraussetzungen hat – und nicht, wie früher, während der Stunde zu merken, dass die Voraussetzungen fehlen.
Sie zwingt mich auch, das Schulbuch nicht als Stundenplan zu nehmen, sondern als Steinbruch. Die meisten Bücher gehen in zu großen Schritten vor; sie überspringen Atomisierungsschritte, weil sie für Lehrkräfte gedacht sind, die diese Schritte selbst einbauen sollen. Wenn ich das nicht tue, lerne ich, was ein Lehrbuch nicht leisten kann.
Eine Routine für die Wochenplanung
Ich plane heute Wochen statt Stunden. Am Wochenende schaue ich mir die kommenden Stunden an und schreibe für jede Stunde:
- Diese Operation soll am Ende sitzen.
- Diese Mikrofertigkeiten setze ich voraus.
- Diese Mikrofertigkeit ist unklar – ich bringe sie als Aufwärmaufgabe.
Drei Spalten, mehr nicht. Was ich dadurch verloren habe: die Idee, dass eine “gute Stunde” ein einzelnes elegantes Ereignis sei. Was ich gewonnen habe: Stunden, an deren Ende mehr als drei Schüler die Methode anwenden konnten.
Quellen
- Sweller, J. (1988). Cognitive Load During Problem Solving: Effects on Learning. Cognitive Science, 12(2), 257–285.
- Sweller, J., van Merriënboer, J. J. G., & Paas, F. (2019). Cognitive Architecture and Instructional Design: 20 Years Later. Educational Psychology Review, 31(2), 261–292.
- Barton, C. (2018). How I Wish I’d Taught Maths. John Catt.
- Kirschner, P. A., Sweller, J., & Clark, R. E. (2006). Why Minimal Guidance During Instruction Does Not Work. Educational Psychologist, 41(2), 75–86.