Diagnose
Hinge Questions
Die Diagnose mitten in der Stunde, nicht erst am Ende
Von Dr. Michael Glaubitz ·
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In meinen ersten Berufsjahren habe ich mich an einem Muster festgehalten, das ich erst spät als problematisch erkannt habe. Eine Stunde sah so aus: 10 Minuten Aufwärmen, 15 Minuten Erarbeitung am neuen Thema, 15 Minuten Übungsphase, 5 Minuten Sicherung. Klingt brav. Funktioniert in den meisten Fällen nicht.
Das Problem: Während der 15-Minuten-Erarbeitung weiß ich nicht, ob die Klasse mit mir kommt. Ich erkenne es allenfalls an der Übungsphase – wenn manche Schüler die Hand heben, weil sie die Aufgabe nicht beginnen können. Bis dahin sind 25 Minuten verstrichen, und ich habe keine Diagnose, sondern nur eine Bauchempfindung.
Hinge Questions sind das Werkzeug, um das zu ändern. Der Begriff stammt aus Dylan Wiliams Arbeiten zur formativen Bewertung; Craig Barton hat ihn für die Mathe-Didaktik populär gemacht.
Was eine Hinge Question ist
Eine Hinge Question ist eine einzige Frage, die du nach einem zentralen Konzept stellst – nicht am Ende der Stunde, sondern an dem Punkt, an dem die Stunde zwei Wege gehen kann. Daher der Name: hinge heißt Scharnier. Die Frage ist das Scharnier.
Sie hat drei Eigenschaften:
- Sie zielt auf das eine zentrale Verständnis, nicht auf eine periphere Detail-Frage.
- Sie ist Multiple-Choice mit gezielten Distraktoren: Jede falsche Antwort gehört zu einer typischen Fehlvorstellung. Der Schüler kann nicht durch Glück richtig liegen, ohne dass es etwas über sein Verständnis verrät.
- Sie produziert in zwei Minuten ein klares Bild der Klasse. Mit einer Hinge Question siehst du am Verteilungsmuster, wer wo steht – nicht nur, wer richtig liegt.
Eine gute Hinge Question entscheidet zwischen zwei Optionen: weitermachen (die Klasse hat das Konzept) oder zurücktreten (das Konzept ist noch nicht da, ich muss anders ansetzen, bevor ich weitergehe).
Ein Beispiel
Du hast die binomischen Formeln eingeführt. Bevor du Übungsaufgaben verteilst, stellst du diese Frage:
Welche der folgenden Aussagen ist richtig?
A)
(x + 3)² = x² + 9B)(x + 3)² = x² + 3x + 9C)(x + 3)² = x² + 6x + 9D)(x + 3)² = 2x + 6
Wenn 90 % der Klasse C wählen: weitermachen. Wenn 50 % A wählen: zurücktreten – die Klasse hat die Quadrierung als „verteilt sich auf jeden Summand” verstanden, ein klassischer Fehler. Wenn 30 % B wählen: zurücktreten – die Klasse hat einen Mittel-Term, aber den falschen Faktor. Wenn 20 % D wählen: zurücktreten – die Klasse hat die binomische Formel mit einer Linearform vermischt.
Das Wertvolle ist nicht der Anteil der Richtigen. Das Wertvolle ist, welche falschen Antworten sich anhäufen. Jede der vier Optionen entspricht einer mentalen Konstruktion. Du siehst, welche du adressieren musst.
Wie man sie konstruiert
Eine Hinge Question zu bauen ist nicht trivial. Drei Regeln, die ich für mich gefunden habe:
Erstens: Drei oder vier Optionen, jede mit einem Grund. Wer eine zufällige falsche Option in das Frageset einbaut, verschwendet Diagnosepotenzial. Jede falsche Option soll eine Geschichte erzählen – einen Pfad, auf dem ein Schüler dort hingelangt.
Zweitens: Keine Option soll durch Ausschlussverfahren erkennbar sein. Wenn eine Option offensichtlich Quatsch ist, lenkt sie nicht. Schüler, die unsicher sind, wählen dann eine der übrigen drei – verraten aber nichts.
Dritte: Die richtige Antwort darf keine offensichtliche „Form” haben. Wenn die richtige Antwort in jeder Hinge Question der ganzen Stunde immer C ist, lernen Schüler das Muster und kreuzen ohne nachzudenken.
Wie man sie in der Stunde einsetzt
Praktisch funktioniert das so:
- Die Frage steht eine Minute an der Tafel oder Folie. Schüler denken still. Keine Diskussion mit Sitznachbarn.
- Die Antwort wird gleichzeitig abgegeben – mit Mini-Whiteboards, mit Fingern (1 = A, 2 = B, etc.), oder mit ABCD-Karten. Wichtig: Es darf nicht gerufen werden, weil dann die ersten lauten Schüler die Antwort der ganzen Klasse beeinflussen.
- Die Lehrkraft scannt die Klasse. Sie sieht in 5 Sekunden die Verteilung.
- Entscheidung: weitermachen oder einen Diagnose-Schritt einbauen.
Bei einer 50/50-Verteilung mache ich oft Think-Pair-Share: Die Schüler erklären sich gegenseitig, warum sie ihre Antwort gewählt haben. Dann fragen wir noch einmal. Wenn sich die Verteilung jetzt nach C verschoben hat, war der Fehler in der Erklärung gegenseitig korrigierbar – ich kann weitermachen. Wenn nicht, muss ich selbst eingreifen.
Wo Hinge Questions besonders helfen
In meiner Praxis haben sie sich vor allem an drei Stellen bewährt:
- Beim Übergang von der Erklärung zur Übungsphase. Die klassische Stelle, an der die Frustrationskaskade beginnt.
- Vor einer Klassenarbeit, in der letzten Wiederholungsstunde. Hier zeigt eine Hinge Question, welche Themen wirklich sitzen und welche nicht.
- Nach einem Methodenwechsel (z. B. von Gleichsetzen zu Einsetzen): Hier teste ich, ob die Schüler nicht beide Methoden vermischen.
Typische Fehler beim Einsetzen
- Frage ist zu klein. „Was ist 2 + 3?” testet nichts Konzeptionelles. Hinge Questions sollen Konzepte prüfen, nicht Routinen.
- Frage hat nur eine offensichtliche richtige Antwort und drei Quatsch-Antworten. Diagnosewert: null.
- Lehrkraft ignoriert das Ergebnis. Ich habe das selbst gemacht: Hinge Question gestellt, 60 % falsch, trotzdem weitergemacht, weil mein Stundenplan das so vorsah. Das ist eine Verschwendung der Methode. Wenn ich die Verteilung ignoriere, kann ich auf die Frage auch verzichten.
- Lehrkraft bittet einen Schüler, „die richtige Antwort zu erklären”. Damit ist der Diagnose-Effekt weg – die anderen Schüler korrigieren sich nur scheinbar. Besser: Die Lehrkraft erklärt selbst und macht dabei explizit, was an den falschen Antworten falsch ist.
Wo du die Fragen findest
Wenn du nicht jede Hinge Question selbst bauen willst, hilft die Sammlung der diagnostischen Fragen auf dieser Seite – jede dort eingestellte Frage hat genau diese Eigenschaft: ein zentrales Konzept, vier Optionen, jede mit einer Geschichte. Du kannst sie auch außerhalb eines Quiz benutzen, einzeln, im Stundenfluss.
Eine Stunde mit zwei oder drei Hinge Questions ist anstrengender für die Lehrkraft als eine ohne. Aber sie ist die Stunde, an deren Ende du weißt, wo deine Klasse steht. Das ist mehr wert als das Bauchgefühl, das ich zwanzig Jahre lang gepflegt habe.
Quellen
- Wiliam, D. (2011). Embedded Formative Assessment. Solution Tree Press.
- Black, P., & Wiliam, D. (1998). Assessment and Classroom Learning. Assessment in Education, 5(1), 7–74.
- Barton, C. (2018). How I Wish I’d Taught Maths. John Catt.
- Hattie, J. (2009). Visible Learning. Routledge.