Didaktik
Mathematische Sprache ist nicht Alltagssprache
Warum Begriffsschärfe in Mathematik unterschätzt wird
Von Dr. Michael Glaubitz ·
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In meiner zweiten Berufsstation hatte ich eine Schülerin, die in einem Test diese Aufgabe falsch beantwortete:
Wie viele natürliche Zahlen
nmit1 ≤ n ≤ 10erfüllennist gerade odernist Vielfaches von 3?
Ihre Antwort: 5 (sie nannte 6, weil 6 gerade und Vielfaches von 3 sei – also „doppelt zählend”).
Ich habe ihr lange erklärt, warum das mathematische oder einschließend ist (also „2 oder 3 oder 4 oder 6 oder 8 oder 9 oder 10” – sieben Zahlen). Sie verstand es nicht. Erst nach dem dritten Versuch ging ihr ein Licht auf: „Das ist also nicht das oder von draußen?”
Genau. Das ist es nicht. Und das ist nicht nur eine kuriose Einzelbeobachtung – es ist ein Muster, das in jeder Klasse, in jeder Stunde wirkt.
Mathematische Sprache: präzise, dünn besetzt, oft kontraintuitiv
Mathematische Begriffe haben eine präzise Bedeutung, die nicht immer mit der alltäglichen übereinstimmt. Das schafft drei systematische Probleme im Unterricht:
Erstens: Falsche Synonyme. Das mathematische oder schließt das und ein – das alltägliche meist nicht. Mindestens heißt mathematisch „≥”, umgangssprachlich oft „ungefähr”. Ähnlich heißt in der Geometrie „gleiche Form, eventuell unterschiedliche Größe” – im Alltag „so ungefähr gleich”. Wenn ein Schüler die Aufgabe „Sind diese Dreiecke ähnlich?” liest und „so ungefähr gleich aussehen” antwortet, antwortet er die Alltagsfrage, nicht die mathematische.
Zweitens: Begriffe, die im Alltag fehlen. Funktion, Gleichung, Term, Gleichungssystem – diese Wörter haben im Alltag keine direkte Entsprechung oder eine ganz andere („eine Funktion erfüllen” hat mit der mathematischen Funktion nichts zu tun). Wenn Schüler in der Klasse 7 „Gleichung” hören, hören manche „Gleichberechtigung” oder „Gleichheit” – beides hat nichts mit dem Begriff zu tun.
Drittens: Begriffe, die innerhalb der Mathematik mehrdeutig sind. Wurzel kann ein Term sein („die Wurzel der Gleichung”) oder eine Operation („Wurzel ziehen”). Lösung kann ein Wert sein oder ein Lösungsweg. Gleich kann „identisch” heißen oder „im Wert übereinstimmend” (wie bei 2/4 = 1/2).
Die Forschung dahinter
Constance Kamii und David Pimm haben in den 1980er und 1990er Jahren ausführlich beschrieben, wie sehr Schüler an Sprache scheitern, nicht an Mathematik. Pimm hat in Speaking Mathematically (1987) gezeigt, dass mathematische Begriffe nicht „Wörter mit Definition” sind, sondern neue mentale Konzepte, die durch wiederholte Verwendung gefestigt werden müssen. Wer den Begriff nur einmal definiert und dann verwendet, baut keine stabile Vorstellung auf.
Eine wichtige Folgerung: Die Definition allein hilft nicht. Der Schüler braucht Beispiele und Gegenbeispiele. Er muss erleben, dass „4 ist eine Wurzel von x² − 16 = 0” wahr ist, „4 ist eine Wurzel von x² − 8 = 0” aber falsch. Erst durch dieses Aussortieren baut sich die Bedeutung auf.
Drei typische Anlässe für Begriffsverwirrung im Mathematikunterricht
Anlass 1: Lineare Funktionen, Gleichungen, Geraden.
Klasse 8 begegnet y = 2x + 3 als „lineare Funktion”, als „Geradengleichung” und als „Funktionsgleichung einer Geraden”. Drei Begriffe, ein Gegenstand – aber jeder mit anderem Akzent. Wer nur einen verwendet, entzieht den Schülern die Möglichkeit, zwischen den Sichtweisen zu wechseln. Wer sie alle gleichberechtigt verwendet, ohne den Zusammenhang explizit zu machen, verwirrt.
Das, was hilft: Die Begriffe aktiv unterscheiden. „Eine lineare Funktion ist der mathematische Gegenstand. Eine Geradengleichung ist die Schreibweise dieser Funktion. Eine Gerade ist das Bild dieser Funktion im Koordinatensystem.” Drei Sätze, einmal gesagt. Dann konsistent verwendet.
Anlass 2: Rationale Zahlen vs. Brüche.
„Bruch” ist eine Schreibweise, „rationale Zahl” ist eine Zahl. Eine rationale Zahl kann durch viele verschiedene Brüche geschrieben werden (1/2 = 2/4 = 3/6). Schüler, die das nicht trennen, verwechseln das Vereinfachen eines Bruchs mit dem Verändern einer Zahl. Wenn man 2/4 zu 1/2 kürzt, ändert sich die Zahl nicht. Nur die Schreibweise.
Anlass 3: Mathematische Implikation und Folgerung. „Wenn p, dann q” heißt mathematisch: jedes Mal, wenn p wahr ist, ist auch q wahr. Es heißt nicht: „p hat etwas mit q zu tun” oder „aus p folgt automatisch q in jedem Sinne”. Schüler in der Oberstufe – vor allem in der Analysis – scheitern oft an logischen Schlüssen, weil sie die Implikation als „lockeren Zusammenhang” verstehen statt als strikte Wenn-dann-Beziehung.
Eine Routine: das Begriffe-Quiz
Eine Praxis, die ich seit etwa zehn Jahren nutze: Alle paar Wochen ein 5-Minuten-Quiz, in dem Schüler zu zentralen Begriffen zwei Beispiele und zwei Gegenbeispiele aufschreiben sollen. Etwa:
Begriff: quadratische Funktion. Schreib zwei Beispiele (also: das ist eine quadratische Funktion) und zwei Gegenbeispiele (das ist keine quadratische Funktion) auf.
Was passiert: Schüler, die den Begriff verstanden haben, schreiben Beispiele wie f(x) = x² und g(x) = 3x² − 5x + 1 und Gegenbeispiele wie h(x) = x³ und i(x) = 1/x. Schüler, die ihn nicht verstanden haben, geben unsinnige oder zufällige Beispiele.
Das Verfahren ist diagnostisch außergewöhnlich gut: Eine falsche oder schwache Antwort verrät genau, welcher Aspekt des Begriffs unklar ist.
Was du diese Woche tun kannst
Such dir einen Begriff aus deiner aktuellen Stunde – „Funktion”, „Term”, „Lösung”, „äquivalent”, „ähnlich” – und stell der Klasse die Frage: „Welcher Unterschied ist zwischen X und ungefähr X?” Beispiel: „Welcher Unterschied ist zwischen eine Lösung haben und eine Antwort haben?” Drei Minuten Zeit zum Aufschreiben.
Du wirst überrascht sein, wie gut deine Klasse darüber Bescheid zu wissen glaubte – und wie viele Schüler beim Aufschreiben merken, dass sie es eigentlich nicht klar machen können.
Eine letzte Geschichte
Vor ein paar Jahren ließ ich eine 7. Klasse die Aufgabe rechnen: „Es gibt unendlich viele rationale Zahlen zwischen 0 und 1. Wie viele Brüche gibt es zwischen 0 und 1?” Eine Schülerin schrieb: „Auch unendlich viele, aber andere unendlich viele.”
Das war wissenschaftlich nicht ganz richtig – aber didaktisch brillant. Sie hatte verstanden, dass rationale Zahl und Bruch nicht dasselbe sind, dass die Mengen sich überschneiden, aber nicht identisch sind. Sie hatte den Begriff verstanden – nicht die Definition.
Genau das ist, glaube ich, das Ziel des Mathematikunterrichts: nicht Definitionen, sondern Begriffe.
Quellen
- Pimm, D. (1987). Speaking Mathematically: Communication in Mathematics Classrooms. Routledge.
- Schleppegrell, M. J. (2007). The Linguistic Challenges of Mathematics Teaching and Learning: A Research Review. Reading & Writing Quarterly, 23(2), 139–159.
- Lemke, J. L. (1990). Talking Science: Language, Learning, and Values. Ablex.
- Prediger, S., & Wessel, L. (2013). Fostering German-Language Learners’ Constructions of Meanings for Fractions: Design and Effects of a Language- and Mathematics-Integrated Intervention. Mathematics Education Research Journal, 25(3), 435–456.