Didaktik
Reflexion vor dem Erklären
Wenn der Lehrervortrag erst nach der Schülerarbeit kommt
Von Dr. Michael Glaubitz ·
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Im klassischen Mathematikunterricht steht die Erklärung am Anfang. Die Lehrkraft führt den Begriff ein, zeigt das Verfahren, gibt Beispiele – und dann üben die Schüler, was sie eben gehört haben. Das Schema ist effizient, vertraut und in den allermeisten Schulbüchern fest verdrahtet. Es hat nur ein Problem: Es macht das Lernen oft zu leicht.
Das Paradoxon der reibungslosen Stunde
Eine Stunde, die wie auf Schienen läuft, fühlt sich für alle Beteiligten gut an. Die Lehrkraft hat das Gefühl, “es” gut erklärt zu haben. Die Schüler bearbeiten die Aufgaben fehlerfrei. Am Ende steht ein zufriedenes Gefühl im Raum.
Drei Wochen später, in der Klassenarbeit, ist die Hälfte des Stoffs verflogen.
Robert und Elizabeth Bjork haben für dieses Phänomen den Begriff desirable difficulties geprägt: erwünschte Schwierigkeiten. Lernen, das im Augenblick mühelos erscheint, hinterlässt schwächere Spuren als Lernen, das mit Anstrengung verbunden ist. Was kurzfristig den Eindruck von Beherrschung macht (und in Tests am Ende der Stunde glänzt), schlägt sich nicht zwingend in bleibendem Können nieder.
Produktives Scheitern
Manu Kapur hat in einer Reihe von Studien (etwa Kapur 2008, 2014) gezeigt: Schüler, die zuerst mit einem Problem konfrontiert werden, das sie noch nicht lösen können, und erst danach die offizielle Lösung sehen, schneiden in Transferaufgaben besser ab als Schüler, die zuerst die saubere Erklärung bekommen und dann üben. Voraussetzung: Das Problem ist so gewählt, dass es zwar nicht gelöst werden kann, aber genug Aktivierung erlaubt – Vorschläge, Skizzen, Ansätze, falsche Wege.
Kapur nennt das productive failure. Der Begriff ist provokativ, weil “Scheitern” im Schulkontext negativ besetzt ist. Aber genau das ist der Punkt: Das Hineinrennen in eine Wand, das Versuchen-und-Verwerfen, das Nachdenken über alternative Ansätze – all das aktiviert Vorwissen, schärft Begriffe, legt Anker für die spätere Erklärung.
Was das im Klassenzimmer heißt
Der Vorschlag ist nicht, den Lehrervortrag abzuschaffen. Sondern, ihn zu verschieben: ans Ende einer Phase, nicht an den Anfang.
Ein einfaches Muster, das in einer Doppelstunde gut funktioniert:
- Eröffnung (5 Minuten). Eine Aufgabe, die Schüler mit ihrem aktuellen Wissen fast, aber nicht ganz, lösen können. Beispiel beim Einstieg in lineare Funktionen: “Du fährst mit dem Fahrrad mit konstanten 18 km/h los. Eine halbe Stunde später startet ein Auto mit 60 km/h auf demselben Weg. Wann holt dich das Auto ein? Findet zwei verschiedene Lösungswege.”
- Ringen (15–20 Minuten). Schüler arbeiten allein, dann zu zweit. Die Lehrkraft hört zu, fragt, sammelt Lösungsversuche – ohne zu korrigieren.
- Vergleich (10 Minuten). Drei oder vier Lösungsansätze werden an die Tafel gebracht. Auch und besonders die gescheiterten. Schüler erklären sich gegenseitig, was sie gedacht haben.
- Erklärung (15 Minuten). Erst jetzt zieht die Lehrkraft die Fäden zusammen. Die abstrakte Begrifflichkeit – Steigung, Achsenabschnitt, Geradengleichung – bekommt jetzt ein Aufhängung an dem, womit die Schüler gerade gerungen haben.
- Übung (Rest). Aufgabenfolge, die das Gelernte konsolidiert.
Die Erklärung am Ende ist oft kürzer als am Anfang – weil die Hälfte des begrifflichen Bodens schon bereitet ist.
Zwei verbreitete Einwände
“Schwächere Schüler sind überfordert.” Das ist ein ernst zu nehmender Einwand. Die Forschung zeigt: Produktives Scheitern wirkt am stärksten, wenn die Aufgabe im Bereich des Möglichen liegt – Vorwissen muss reichen, um etwas zu tun, nicht aber, um die ideale Lösung zu erreichen. Bei sehr heterogenen Klassen hilft Differenzierung im Eröffnungsschritt: gleiche Frage, gestaffelte Zugänge.
“Ich kann den Lehrplan so nicht schaffen.” Stimmt: Diese Stunde dauert länger als die klassische Erklärstunde mit demselben Inhalt. Aber sie ersetzt – idealerweise – auch eine spätere Wiederholungsstunde, weil das Gelernte länger hält. Die Rechnung geht über das Schulhalbjahr auf, nicht über die einzelne Stunde.
Eine kleine Selbstprüfung
Wenn du am Ende einer Stunde das Gefühl hast, alles sei mühelos verstanden worden, frage dich: Habe ich heute das Lernen gefühlt zu leicht gemacht – oder tatsächlich? Eine Lerneinheit, in der Schüler nie an eine Grenze gestoßen sind, hinterlässt selten tiefe Spuren.
Quellen
- Bjork, R. A. (1994). Memory and Metamemory Considerations in the Training of Human Beings. In Metcalfe, J. & Shimamura, A. (Hrsg.), Metacognition.
- Kapur, M. (2008). Productive failure. Cognition and Instruction, 26(3), 379–424.
- Kapur, M. (2014). Productive failure in learning math. Cognitive Science, 38(5), 1008–1022.