Unterrichtsdesign
Abrufen statt Wieder-Anschauen
Was Retrieval Practice für den Mathematikunterricht bedeutet
Von Dr. Michael Glaubitz ·
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In meinen ersten Korrekturphasen war ich oft überrascht: Schüler kamen aus der Vorbereitung mit dem Gefühl, „das Thema zu beherrschen”, in die Klassenarbeit – und scheiterten an Aufgaben, die sie zwei Tage vorher angeblich gekonnt hatten. Beim Nachfragen kamen Antworten wie: „Ich hab’s mir alles noch einmal durchgelesen.” Oder: „Ich hab die Lösungen alle noch mal angesehen.”
Was die Schüler nicht wussten – und was ich auch erst spät verstanden habe – ist, dass Wiedererkennen und Abrufen zwei völlig verschiedene Operationen sind. Wer den Lösungsweg vor Augen hat und ihm folgen kann, hat ihn nicht im Kopf. Er kann ihn lesen.
Die Forschung zu Retrieval Practice – also zum bewussten Abrufen aus dem Gedächtnis ohne Hilfsmittel – ist seit zwei Jahrzehnten extrem klar: Sie ist eine der besttrainierten Lerntechniken, die wir kennen. Und sie ist im deutschen Klassenzimmer verblüffend wenig präsent.
Der Befund: Testen ist Lernen
Henry Roediger und Jeffrey Karpicke haben 2006 ein Experiment publiziert, das die Diskussion verändert hat. Studierende lernten Lehrtexte unter zwei Bedingungen:
- Wiederlesen-Gruppe: Den Text mehrfach lesen.
- Test-Gruppe: Den Text einmal lesen, dann unter Test-Bedingungen aufschreiben, was man behalten hat.
Ergebnis nach einer Woche: Die Test-Gruppe hatte etwa 50 % mehr behalten als die Wiederlesen-Gruppe. Bei einer Stunde nach dem Lernen lag die Wiederlesen-Gruppe noch leicht vorne. Aber das Verhältnis kippt schon nach Stunden – und langfristig ist Testen klar überlegen.
Dieser Effekt – manchmal Testing Effect oder Testing-Enhanced Learning genannt – ist seither in vielen Domänen reproduziert worden: Vokabeln, Faktenwissen, mathematische Verfahren, medizinisches Wissen, motorische Fertigkeiten. Er ist robust, groß und unter den am besten untersuchten Lerneffekten der Psychologie.
Warum funktioniert es?
Die Hypothese, die heute am ehesten als Konsens gilt: Beim Abrufen aus dem Gedächtnis wird die Information nicht nur „nachgeschlagen”, sondern neu rekonstruiert. Diese Rekonstruktion stärkt die Spuren, die das Gedächtnis benutzt, um die Information zu finden – ähnlich, wie das Begehen eines Pfads im Wald ihn ausprägt.
Das Wiederlesen aktiviert keine solche Rekonstruktion. Der Schüler liest – die Information steht ihm zur Verfügung – das Gehirn arbeitet auf der niedrigsten Abrufstufe. Ergebnis: das Gefühl von Vertrautheit, aber keine echte Festigung.
Bjork hat das mit einem Begriff ausgedrückt, der auch für Spacing wichtig war: desirable difficulties. Anstrengung beim Lernen ist nicht ein notwendiges Übel, sondern ein Wirksamkeitsindikator. Wer beim Lernen nicht ringt, lernt zu wenig.
Was das praktisch heißt: vier konkrete Routinen
Erstens: Aufwärm-Quizze ohne Hilfsmittel. Wenn ich am Anfang einer Stunde zwei Fragen aus dem Stoff der letzten Wochen stelle, gilt: Bücher zu, Hefte zu, ein Zettel pro Schüler. Drei Minuten. Niemand korrigiert noch nicht. Erst danach besprechen wir die Lösungen. Schüler erleben den Unterschied zwischen „ich glaubte, das zu wissen” und „ich kann es ohne Vorlage abrufen”.
Zweitens: Aufgabe statt Lösungsblatt zur Hausaufgabe-Prüfung. Statt zu fragen „Habt ihr die Hausaufgaben?” gebe ich am Anfang der Stunde eine neue Aufgabe desselben Typs. Wer die Hausaufgaben gemacht hat, schafft sie. Wer sie nicht gemacht hat (oder nur abgeschrieben hat), scheitert. Das ist faires Feedback und gleichzeitig Übung.
Drittens: Geschlossene Klassenarbeit-Vorbereitung. Vor einer Klassenarbeit empfehle ich Schülern explizit nicht, „den Stoff durchzulesen”, sondern: „Setz dich an deinen Tisch, lege das Buch zur Seite, und schreib auf, was du zu Thema X weißt – aus dem Kopf. Erst nach 10 Minuten schaust du nach, was du vergessen hast.” Das ist erst unangenehm, weil das eigene Vergessen sichtbar wird. Genau deshalb ist es effektiv.
Vierter: Niedrig-bewertete Mini-Tests. Eine Routine, die ich seit Jahren nutze: Alle zwei Wochen ein 10-Minuten-Test mit drei Aufgaben. Die werden bewertet, aber mit minimalem Gewicht (ca. 5 % der Gesamtnote). Effekt: Schüler bereiten sich darauf vor, weil sie etwas gilt – und durch die Vorbereitung wenden sie schon Retrieval Practice an.
Was die Schüler dabei lernen
Die wichtigste Nebenwirkung: Schüler entwickeln ein realistischeres Bild ihres eigenen Wissensstands. Wer nur wieder liest, hat das Gefühl von Beherrschung – ohne sie zu haben. Wer abruft, sieht direkt, wo die Lücken sind. Diese metakognitive Genauigkeit – „ich weiß, was ich weiß und was ich nicht weiß” – ist eine der wertvollsten Kompetenzen, die wir Schülern mitgeben können. Sie ist die Grundlage, auf der gezieltes Üben aufbaut.
Eine wichtige Unterscheidung: Retrieval Practice ≠ Klassenarbeit
Im deutschen Schulkontext heißt „Test” oft „benotete Klassenarbeit”. Das ist nicht das, was die Forschung untersucht. Retrieval Practice ist das Abrufen selbst – ob mit oder ohne Note, ob unter Druck oder gelassen, ob Selbsttest oder Lehrer-Test. Was zählt, ist das aktive Heraufholen aus dem Gedächtnis.
Das heißt: Auch wenn die Klasse keine bewerteten Tests bekommen soll, kann Retrieval Practice eingesetzt werden. Ein „Schreib drei Sachen auf, an die du dich aus letzter Stunde erinnerst” am Stundenanfang ist Retrieval Practice. Ein Mini-Whiteboard-Quiz ist Retrieval Practice. Eine Hausaufgabe, die Schüler bei zugeklapptem Heft bearbeiten müssen, ist Retrieval Practice.
Die Verbindung zu Spacing
Retrieval Practice und Spacing wirken zusammen. Verteiltes Üben ohne Abruf ist weniger wirksam (es wird zu rezeptivem Wieder-Begegnen). Abruf ohne Verteilung ist kurz wirksam, aber nicht langlebig. Was wirklich tragfähig ist, ist die Kombination: Abrufen, immer wieder, mit zeitlichem Abstand.
Praktisch: Die Aufwärm-Quiz-Routine, die ich im Spacing-Artikel beschrieben habe, ist gleichzeitig Spacing und Retrieval Practice – wenn die Schüler sie ohne Hilfsmittel und ohne Sitznachbarbesprechung machen.
Was du diese Woche tun kannst
Eine kleine Veränderung, die in jeder Stunde funktioniert: Beim nächsten Mal, wenn du eine Wiederholungsphase einläutest, sag nicht „Schaut auf Seite 47 nach”. Sag stattdessen: „Schreibt aus dem Kopf auf, was die binomischen Formeln sind. Drei Minuten, kein Buch.”
Beobachte:
- Wie viele Schüler kommen ohne Hilfe weiter, wie viele nicht?
- Wer kommt nicht weiter, dann mit Stups?
- Welche Fehler tauchen auf?
Diese drei Minuten sind diagnostisch wertvoller als zehn Minuten Plenums-Wiederholung mit dem Buch in der Hand. Und für die Schüler, die mitgekommen sind, sind sie eine echte Lernanstrengung.
Quellen
- Roediger, H. L., & Karpicke, J. D. (2006). The Power of Testing Memory: Basic Research and Implications for Educational Practice. Perspectives on Psychological Science, 1(3), 181–210.
- Karpicke, J. D., & Roediger, H. L. (2008). The Critical Importance of Retrieval for Learning. Science, 319(5865), 966–968.
- Dunlosky, J., Rawson, K. A., Marsh, E. J., Nathan, M. J., & Willingham, D. T. (2013). Improving Students’ Learning with Effective Learning Techniques. Psychological Science in the Public Interest, 14(1), 4–58.
- Adesope, O. O., Trevisan, D. A., & Sundararajan, N. (2017). Rethinking the Use of Tests: A Meta-Analysis of Practice Testing. Review of Educational Research, 87(3), 659–701.