Meinung
Ein Drittel unter dem Mindeststandard
Was der IQB-Bildungstrend 2024 für die nächste Mathematikstunde bedeutet
Von Dr. Michael Glaubitz ·
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Die Zahlen des IQB-Bildungstrends 2024 sind seit ihrer Veröffentlichung im Herbst 2025 oft zitiert worden, meist mit demselben Tonfall. Ich schreibe sie trotzdem noch einmal hin, weil eine davon in der Debatte fast immer untergeht.
In Mathematik liegt der bundesweite Mittelwert der neunten Klassen bei 474 Punkten, rund 24 Punkte unter dem Wert von 2018. Da im verwendeten Modell etwa 50 Punkte einem Schuljahr Lernzuwachs entsprechen, ist das rechnerisch ein halbes Schuljahr. 34 Prozent verfehlen den Mindeststandard für den Mittleren Schulabschluss – rund zehn Prozentpunkte mehr als 2018. Und die Zahl, die seltener genannt wird: Rund 9 Prozent verfehlen sogar den Mindeststandard für den Ersten Schulabschluss.
Das Wort, auf das es ankommt, ist Mindeststandard. Nicht Regelstandard, nicht Optimalstandard. Es geht nicht darum, dass ein Drittel der Jugendlichen die Kurvendiskussion nicht beherrscht. Es geht darum, dass ein Drittel das nicht sicher kann, was für den Abschluss als unterste Grenze definiert wurde.
Warum das eine andere Aufgabe ist als „mehr üben”
Wer unter dem Mindeststandard liegt, hat in aller Regel kein Übungsdefizit, sondern ein Vorstellungsdefizit. Diese Jugendlichen scheitern nicht an der dritten binomischen Formel, sondern daran, dass ein Bruch für sie zwei Zahlen übereinander sind. Dass 0,7 kleiner sei als 0,25. Dass Prozente absolute Größen wären. Dass das Gleichheitszeichen bedeutet: „hier kommt das Ergebnis”.
Solche Vorstellungen verschwinden nicht durch dreißig weitere Aufgaben desselben Typs. Sie verschwinden nur, wenn sie zuerst sichtbar und dann widerlegt werden – am besten von den Lernenden selbst, weil eigene Erfahrung stärker wirkt als jede Korrektur von außen.
Genau deshalb ist der Ruf nach mehr Übungsstunden die naheliegende und die falsche Antwort. Mehr vom Gleichen verstärkt bei jemandem, der eine falsche Regel anwendet, die falsche Regel.
Vier Dinge, die eine einzelne Lehrkraft tun kann
Ich habe keine Antwort auf die bildungspolitische Frage. Auf die unterrichtliche schon – und alle vier Punkte kosten nichts außer Entschlossenheit.
1. Die Grundlagen dauerhaft im Umlauf halten. Fünf Minuten zu Stundenbeginn, jede Stunde: zwei Aufgaben aus der letzten Stunde, zwei aus dem letzten Monat, eine aus dem letzten Halbjahr. Ohne Note, mit Selbstkontrolle. Wer Bruchrechnung nur in Klasse 6 sieht, kann sie in Klasse 9 nicht können – das ist keine Frage von Begabung, sondern von Vergessenskurven. Der Kopfrechen-Sprint macht daraus eine Zwei-Minuten-Routine.
2. Diagnostizieren statt vermuten. Bevor ein Thema beginnt, eine einzige gut gebaute Frage stellen, deren falsche Antworten je eine bestimmte Fehlvorstellung verraten – und alle gleichzeitig antworten lassen. Nach dreißig Sekunden wissen Sie, ob die Klasse trägt. Die diagnostischen Fragen auf dieser Seite sind genau dafür gebaut, und der Fehlvorstellungs-Katalog sagt Ihnen vorher, wonach Sie suchen müssen.
3. Grundvorstellungen vor Verfahren. Wer weiß, warum beim Addieren von Brüchen die Nenner gleich sein müssen, braucht die Regel nicht auswendig. Wer es nicht weiß, wird sie vergessen – zuverlässig, und zwar bis Klasse 9. Zwei Minuten am Bruchstreifen ersparen zwei Jahre Nachkorrektur.
4. Wissen, wie viele es wirklich sind. Nicht im Gefühl, sondern in Zahlen: Wie viele lagen bei den letzten drei Whiteboard-Runden daneben? Der Unterschied zwischen „ein paar” und „ein Drittel” entscheidet, ob eine Übungsphase reicht oder die Stunde neu ansetzen muss. Der Whiteboard-Check zählt das in Sekunden mit — anonym; wer im Einzelnen Förderung braucht, zeigt sich ohnehin im Gespräch am Tisch, nicht in einer gespeicherten Liste.
Was ich nicht schreibe
Ich schreibe nicht, dass Lehrkräfte schuld sind. Die Studie selbst nennt strukturelle Faktoren: gewachsene Heterogenität, Sprachhürden, Unterrichtsausfall, die Nachwirkungen der Pandemiejahre. Nichts davon lässt sich im eigenen Klassenraum lösen.
Aber es gibt einen Unterschied zwischen „nicht schuld” und „nichts zu tun”. Die vier Punkte oben verändern die Rahmenbedingungen nicht. Sie verändern, was innerhalb dieser Rahmenbedingungen ankommt. Das ist wenig – und es ist das Einzige, was am Montag um acht Uhr tatsächlich in unserer Hand liegt.
Quellen: IQB-Bildungstrend 2024, veröffentlicht im Oktober 2025 durch das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (Humboldt-Universität zu Berlin); getestet wurden Neuntklässlerinnen und Neuntklässler in Mathematik und den Naturwissenschaften. Die Zuordnung „50 Punkte ≈ ein Schuljahr” ist eine gängige Faustregel zur Interpretation der Skala und keine exakte Umrechnung. Für den Vergleichswert von 2018 nennt die Berichterstattung uneinheitlich 22 oder 24 Prozent; deshalb steht oben nur die Größenordnung der Veränderung. Wer die Zahl exakt braucht, nimmt sie aus dem Originalbericht.