Diagnose
Was eine Klassenarbeit misst
Über Anforderungsbereiche, Erwartungshorizonte und die Frage, wann man den Notenschlüssel festlegt
Von Dr. Michael Glaubitz ·
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Am Abend vor der Korrektur sieht jede Klassenarbeit gut aus. Die Aufgaben decken das Thema ab, die Punktzahlen summieren sich auf eine runde Zahl, die Zeit müsste reichen. Zwei Tage später weiß man mehr: Die Hälfte der Klasse ist an Aufgabe 4 gescheitert, bei Aufgabe 6 hat man dreimal die eigene Bewertung geändert, und der Notenschlüssel ist am Ende ein bisschen anders ausgefallen als geplant – weil der Schnitt sonst nicht gepasst hätte.
Nichts davon ist ein Korrekturproblem. Es sind drei Entscheidungen, die vor dem Schreiben der Arbeit gehören und regelmäßig danach getroffen werden.
Erstens: Wovon misst die Arbeit wie viel?
Die drei Anforderungsbereiche der Bildungsstandards sind keine Schwierigkeitsstufen, auch wenn sie so gelesen werden. Sie beschreiben Arten von Tätigkeit:
- AFB I – Reproduzieren. Bekanntes Verfahren auf eine bekannte Situation anwenden. „Berechne den Umfang eines Kreises mit r = 4 cm.“
- AFB II – Zusammenhänge herstellen. Bekanntes verknüpfen, in einen Kontext übertragen, mehrschrittig arbeiten. „Ein Rasensprenger reicht 4 m weit. Welchen Anteil eines quadratischen Gartens von 10 m Seitenlänge erreicht er?“
- AFB III – Verallgemeinern und Reflektieren. Begründen, verallgemeinern, beurteilen, ein Verfahren selbst entwickeln. „Wenn man den Radius verdoppelt, vervierfacht sich die Fläche. Gilt so etwas auch für den Umfang? Begründe.“
Als Richtwert für eine reguläre Klassenarbeit gelten grob 30 % / 50 % / 20 %. Die genauen Zahlen sind je nach Land und Schulform verschieden und nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass man die Verteilung überhaupt kennt.
Denn ohne Kontrolle sieht die Verteilung fast immer anders aus, als man denkt. AFB-I-Aufgaben sind schnell geschrieben, schnell korrigiert und wirken beim Zusammenstellen wie eine faire Einstiegshürde. AFB-III-Aufgaben sind mühsam zu formulieren und noch mühsamer zu bewerten. Das Ergebnis ist eine Arbeit, die zu 60 oder 70 Prozent Wiedergabe misst – und danach ein Notenbild, in dem genau die Lernenden gut abschneiden, die das Verfahren beherrschen, ohne es zu verstehen.
Der Test ist einfach: Zählen Sie die Punkte Ihrer letzten Klassenarbeit nach Anforderungsbereich zusammen. Wenn in AFB III null Punkte stehen, hat die Arbeit keine Spitze. Wenn in AFB II unter einem Viertel steht, misst sie nicht das, worum es im Unterricht ging.
Zweitens: Wofür genau gibt es Punkte?
„4 Punkte“ unter einer Aufgabe ist keine Bewertungsentscheidung, sondern deren Aufschub. Die Entscheidung fällt bei der ersten Arbeit, in der jemand den richtigen Ansatz hat und sich verrechnet – und dann noch einmal bei der zwölften, in der jemand ohne Ansatz zufällig auf das richtige Ergebnis kommt.
Ein Erwartungshorizont ist nichts Feierliches. Er ist ein Satz je Aufgabe, der die Punkte aufteilt:
Ansatz K(x) = 0,1x + 5 (2 P.); Gleichung aufgestellt und gelöst, x = 90 (2 P.); Antwortsatz mit Einheit (1 P.).
Wer das vor der Arbeit aufschreibt, merkt regelmäßig zwei Dinge. Erstens: Manche Aufgabe hat mehr Punkte, als sie Teilleistungen hat – dann ist die Punktzahl gegriffen. Zweitens: Bei manchen Aufgaben fällt einem nicht ein, wofür der zweite Punkt sein soll. Das ist fast immer ein Hinweis darauf, dass die Aufgabe unklar gestellt ist.
Der praktische Gewinn kommt bei der Korrektur. Mit Erwartungshorizont dauert ein Satz Arbeiten spürbar kürzer, und – wichtiger – die zwanzigste Arbeit wird nach demselben Maßstab bewertet wie die erste. Ohne ihn driftet der Maßstab; das ist kein Charakterfehler, sondern eine gut belegte Eigenschaft menschlicher Urteilsbildung.
Drittens: Wann steht der Notenschlüssel fest?
Vorher. Immer vorher.
Das Argument dagegen ist bekannt und ernst zu nehmen: Wenn die Arbeit zu schwer war, bestraft ein vorher festgelegter Schlüssel die Klasse für einen Fehler der Lehrkraft. Das stimmt. Nur ist die Lösung dafür nicht, den Schlüssel hinterher zu verschieben, sondern die Arbeit vorher zu prüfen – und im Ausnahmefall die Verschiebung offen zu begründen, statt sie als Notenschlüssel auszugeben.
Ein nachträglich angepasster Schlüssel macht die Note zu einer Aussage über die Position in der Lerngruppe. Das mag in manchen Kontexten gewollt sein; in einer Klassenarbeit, die Kompetenzen messen soll, ist es etwas anderes als das, was draufsteht. Und die Klasse merkt es: Wer weiß, dass der Schlüssel am Ende ohnehin geschoben wird, richtet sein Lernen nicht mehr an den Anforderungen aus, sondern an den Mitschülern.
Praktisch gehört der Schlüssel auf den Erwartungshorizont, gemeinsam mit den Punktgrenzen in ganzen oder halben Punkten. „Note 2 ab 73 %“ ist bei 25 Punkten unbrauchbar; „Note 2 ab 18,5 Punkten“ ist die Angabe, die man beim Korrigieren tatsächlich benutzt.
Ein Werkzeug dafür
Diese drei Entscheidungen kosten zusammen vielleicht zwanzig Minuten, und sie fallen trotzdem oft aus, weil sie am Ende eines langen Tages liegen. Deshalb gibt es dafür jetzt ein Werkzeug: den Klassenarbeits-Baukasten.
Man trägt die Aufgaben ein, legt zu jeder den Anforderungsbereich und die Punkte fest, und die Verteilung steht daneben – gegen die Richtwerte gehalten. Wenn eine Arbeit zu mehr als der Hälfte aus AFB I besteht oder gar kein AFB III enthält, sagt das Werkzeug es. Wenn zu einer Aufgabe die erwartete Leistung fehlt, ebenfalls. Der Notenschlüssel ist umstellbar und rechnet die Prozentgrenzen in halbe Punkte um.
Gedruckt werden drei Blätter: das Angabenblatt mit Schreiblinien, der Erwartungshorizont mit dem Notenschlüssel darunter, und eine Punkteliste für die Korrektur. Wie alle Werkzeuge hier läuft es offline, ohne Konto, und nichts verlässt den Rechner.
Es nimmt einem keine der drei Entscheidungen ab. Es sorgt nur dafür, dass man sie trifft, bevor die Arbeit geschrieben wird – und nicht danach.
Zum Weiterlesen
- Klassenarbeits-Baukasten – das Werkzeug zu diesem Beitrag
- Fehlvorstellungs-Katalog – woran Aufgaben in der Praxis scheitern
- Stundenverläufe – wo das Exit-Ticket dieselbe Aufgabe im Kleinen übernimmt