Werkzeug
Dreißig Antworten statt zwei
Mini-Whiteboards sind die wirksamste Anschaffung, die eine Fachschaft machen kann
Von Dr. Michael Glaubitz ·
- #mini-whiteboards
- #formatives-assessment
- #diagnose
- #hinge-questions
- #beteiligung
Rechnen wir das einmal aus. In einer Doppelstunde stelle ich vielleicht fünfundzwanzig Fragen an die Klasse. Bei jeder antwortet eine Person. Am Ende der neunzig Minuten habe ich also fünfundzwanzig Datenpunkte – verteilt auf, seien wir großzügig, zehn verschiedene Personen. Von den übrigen achtzehn Jugendlichen weiß ich nach neunzig Minuten Unterricht: nichts.
Und diese fünfundzwanzig Datenpunkte sind nicht einmal zufällig gezogen. Es antwortet, wer die Antwort weiß. Meine Stichprobe ist systematisch nach oben verzerrt – ich bekomme fortlaufend die Rückmeldung, dass die Klasse mitkommt, gerade von denen, die es ohnehin können.
Mini-Whiteboards drehen dieses Verhältnis um. Bei jeder Frage antworten alle. Ich sehe achtundzwanzig Antworten gleichzeitig, in etwa fünfzehn Sekunden.
Was man wirklich braucht
Eine laminierte weiße A4-Folie pro Person, ein abwischbarer Stift, ein Stück Küchenpapier. Wer es billiger will: Klarsichthüllen mit einem weißen Blatt darin funktionieren genauso. Zusammen liegt man bei unter zwei Euro pro Person, einmalig.
Ich schreibe das so ausdrücklich, weil ich diese Diskussion oft in Fachkonferenzen erlebt habe – neben Anschaffungswünschen im vierstelligen Bereich. Es gibt im Mathematikunterricht wenige Investitionen mit einem vergleichbaren Verhältnis von Kosten zu Wirkung.
Die drei Regeln, ohne die es nicht funktioniert
Erstens: gleichzeitig hochhalten. Wer früher fertig ist, dreht das Board um und wartet. Auf ein Zeichen zeigen alle zusammen. Ohne diese Regel wird abgeschrieben, und Sie messen wieder nur die vorderen Reihen.
Zweitens: kurze Antworten. Eine Zahl, ein Term, eine Skizze, ein Vorzeichen. Was länger als eine Zeile braucht, gehört ins Heft. Whiteboards sind ein Messinstrument, kein Arbeitsmittel.
Drittens: laut lesen, was zu sehen ist. Nicht nur nicken. „Vier von euch haben hier den Nenner mitaddiert – schauen wir uns das gemeinsam an.” Dieser Satz macht aus einer Abfrage eine Diagnose. Und er nimmt dem Fehler die Peinlichkeit, weil er ihn zu einer Sache der Klasse macht statt zu einer Sache einer Person.
Was mit den Daten passieren muss
Der häufigste Fehler beim Einstieg ist, dass die Boards zwar eingeführt werden, das Ergebnis aber nichts ändert. Man fragt, sieht acht falsche Antworten – und macht weiter wie geplant.
Dylan Wiliam schlägt für solche Entscheidungsfragen eine einfache Faustregel vor: ab etwa 80 Prozent richtig weitergehen, unter 50 Prozent gemeinsam neu ansetzen, dazwischen eine zweite Runde mit einer leicht veränderten Aufgabe. Nicht mit derselben – wer sie beim ersten Mal falsch verstanden hat, versteht sie beim zweiten Mal genauso falsch.
Genau diese Auswertung nimmt Ihnen der Whiteboard-Check ab: Sie zählen die Reihen durch und tippen dabei mit — R richtig, H halb, F falsch, N nichts —, und Quote und Ampel stehen sofort da. Die Erfassung ist bewusst anonym; es wird gezählt, nie zugeordnet. Nach drei Runden steht ein Klassenbild da, aus dem hervorgeht, welche Frage gehakt hat.
Der Nebeneffekt, den niemand erwartet
Nach einigen Wochen mit Whiteboards habe ich etwas beobachtet, womit ich nicht gerechnet hatte: Die Fehlerkultur der Klasse ändert sich. Wenn bei jeder Frage sichtbar wird, dass regelmäßig ein Viertel danebenliegt, hört Falschliegen auf, ein Ereignis zu sein. Es wird Normalzustand – und damit besprechbar.
Das ist kein pädagogischer Zusatznutzen am Rande. Das ist die Voraussetzung dafür, dass Diagnose überhaupt funktioniert. Eine Klasse, die ihre Fehler versteckt, kann man nicht messen.
Womit anfangen
Nehmen Sie eine Frage aus der nächsten Stunde, bei der Sie sich nicht sicher sind, ob die Klasse sie kann. Genau eine. Stellen Sie sie mit Boards, ansonsten unterrichten Sie normal weiter.
Die Antwort wird Sie überraschen – in eine der beiden Richtungen. Genau darum geht es.
Weiterlesen: Methode: Mini-Whiteboards · Hinge Questions · Diagnostische Fragen zum Ausprobieren